Clubhouse: Hype-Check

“In ist, wer drin ist”, so oder so ähnlich könnte das Motto von der App Clubhouse lauten. Aktuell scheint die App das Gesprächsthema in der digitalen Welt zu sein. Dabei setzt die Clubhouse auf ein simples Prinzip: Online mit Freunden oder Fremden quatschen. Nichts weiter als eine Telko für Hipster aus der digitalen Bubble? Wir netzstrategen haben da konträre Meinungen, die wir Dir nicht vorenthalten möchten. Im Hype-Check mit Kommunikations-Stratege Jacob und Social Media-Stratege Konstantin erfährst Du, warum die App eine Revolution ist - oder eben doch nur heiße Luft.

Wie funktioniert die App Clubhouse?

Bei Clubhouse wird miteinander geredet, live und ganz ohne Bild. Hier scheint sich die Beliebtheit von Podcasts bemerkbar zu machen. Teilnehmer*innen können sich an Gesprächen beteiligen oder einfach nur zuhören. Man kann sich das ganze als interaktiven Podcast vorstellen oder wie eine digitale Version einer Panel-Diskussion. In sogenannten „Rooms”, die privat oder öffentlich sein können, verabreden und treffen sich Nutzer*innen. Die Hosts von solchen Rooms können festlegen, wer als Speaker mitdiskutieren darf. Das Besondere: es gibt bisher außer Wortmeldungen keine sonstigen Reaktionen, die das Geschehen stören. In der Regel hören also ganz viele zu, während einige diskutieren. Über die Suchfunktion können Nutzer andere Nutzer finden. Aktuell gibt es die App nur für iOS, also Apple-Nutzer.

Wer ist auf Clubhouse unterwegs?

Bisher trifft sich auf der App in Deutschland die gleiche Zielgruppe, die auch auf anderen Social Channels wie Twitter große Reichweiten haben, vornehmlich aus Politik, Marketing und Medien. Auf den Profilen der Nutzer*innen lässt sich erkennen, woher die Einladung stammt. Denn rein kommt nur, wer eine Einladung hat. Diese künstliche Verknappung scheint so gut funktionieren, dass sogar Invites auf eBay Kleinanzeigen gehandelt werden. Hier scheint die “fear of missing out” (FOMO) besonders zu kicken; denn auf allen Social Media Plattformen ist die App aktuell im Gespräch. Die aktuelle Situation könnte sehr förderlich sein, für eine App die einen an Gesprächen teilnehmen lässt und Nähe suggeriert.

Hinter der App steckt das US-Unternehmen Alpha Exploration, die beiden Geschäftsführer heißen Paul Davison und Rohan Set. Der aktuelle Wert des Unternehmens wird auf 100 Millionen Dollar geschätzt. Ob sich die App auch weiterhin auf diesem Kurs bewegen wird, werden die nächsten Monate zeigen.

Pro Clubhouse

Jacob Doering

Jacob Doering Kommunikations-Stratege


„Clubhouse ist erstmal nur ein Hype und will exklusiv sein – aber es hat großes Potenzial das nächste Facebook zu werden.“
  • Die Revolution des Radios
  • Eine ganz neue Form der (politischen) Partizipation
  • Eine Erweiterung des zukünftigen Marketingportfolios: Influencer, Sponsored Ads, Radio-Spots…

Die Revolution des Radios

Das Radio befindet sich – wie auch die anderen Medien aus der Zeit vor der Digitalisierung – in einem massiven Umbruch. Die Nutzungssituation der Rezipient*innen verschiebt sich zunehmenden ins Digitale, Inhalte werden oft nur noch on-Demand konsumiert. Die Funktionalität von Clubhouse setzt aber genau hier an: es rückt live Inhalte in den Vordergrund. Wie passt das zusammen? Zunächst erscheint die Idee, gemessen an der gängigen Nutzungssituation, dem Trend gegenläufig. Doch die Frage hängt – wie immer – mit dem Content zusammen, der konsumiert wird: Netflix, Spotify & Co bieten hauptsächlich entertainment lastige Inhalte an, die zeit- & ortsunabhängig abgerufen werden können und sich somit perfekt in den individuellen Tagesablauf integrieren lassen. Die „klassischen“ Medien konkurrieren dabei mit den on-Demand Anbietern, da sie (u.a.) den gleichen Content anbieten. Da sie aber wegen fehlenden technischen Möglichkeiten größtenteils nicht on-Demand liefern können (abgesehen von den Mediatheken der Fernsehsender z.B.), verlieren sie in diesem Bereich den Wettbewerb. Dreht es sich aber um informative Inhalte wie z.B. Nachrichten, politische Diskussionsrunden, late night Shows etc., werden immer noch die „klassischen“ Medien konsumiert – und das auch zeit- & ortsgebunden.

Und an dieser Stelle tritt Clubhouse auf das Parkett: die Idee, zeitgebundenen, informativen Content, der auch noch von den User*innen selbst kreiert werden kann, dabei aber ortsunabhängig anzubieten, wirkt sowohl konservativ als auch revolutionär zugleich. Denn: hier können Nachrichten, Diskussionsforen etc. zu einer individuell festgelegten Agenda verfolgt bzw. abgerufen werden – ohne der Willkür einer Programmleitung ausgesetzt zu sein – und dabei aber an jedem Ort rezipiert werden. Zwar müssen sich Nutzer*innen darauf einstellen, an einem bestimmten Datum und zu einer bestimmten Uhrzeit einem Gespräch als Zuhörer*in beizutreten. Dies passiert aber wo man möchte – und gibt die Möglichkeit die Sendung auszusuchen, die am besten gefällt. Das Prinzip „one fits all“ der Massenmedien wird hier wieder mal durch intelligente Algorithmen (als kleine negative Anmerkung: und dank der Filterbubble) gebrochen und auf smarte Weise für die digitale Welt adaptiert.

Eine ganz neue Form der (politischen) Partizipation

Der vermutlich größte positive Aspekt von Clubhouse ist dabei aber der bidirektionale Kommunikationscharakter. Aufbauend auf dem Gedanken, dass es sich im Prinzip hier „nur“ um interaktives Radio bzw. live Podcasts handelt, kann die aktive Partizipationsmöglichkeit der Zuhörer*innen als echte Revolution gewertet werden. Denn: angenommen, Clubhouse wird mehr als nur ein vorübergehender Hype und entwickelt sich zu einem Medium mit einer hohen Reichweite, dann erwächst aus dieser Möglichkeit mehr als „nur“ ein interaktives Radio. Die App könnte zu einer neuen Plattform für einen direkten und transparenten gesellschaftlichen Diskurs werden – bei der sich wirklich alle miteinander austauschen können. Von Bürger zu Politiker, von Bürger zu Bürger, von Unternehmensgründern zu Investoren, von Mitarbeitern zu Arbeitgebern etc. Jeder, der über ein Thema sprechen will, kann es tun – und das mit kaum wirtschaftlichen und technologischen Hürden. Denn fast jeder hat mittlerweile ein Smartphone. Diese direkte, simultane und fast ungefilterte Form der Kommunikation gab es bisher nur textbasiert.

Eine Erweiterung des zukünftigen Marketingportfolios: Influencer, Sponsored Ads, Radio-Spots…

Und zu guter letzt – um ein wenig von der philosophisch-politischen Meta-Ebene weg zu kommen – birgt die App natürlich auch wieder ganz neue Wege des Marketings: wird die App Erfolg haben und viele aktive Nutzer*innen generieren können, dann bleibt die Integration von Werbemöglichkeiten nicht lange abzuwarten. Denkbar sind hier an sich die gleichen Formate wie bei allen Social Media Plattformen: sponsored Posts, Banner Ads oder – mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit – irgendwann auch Influencer Marketing.

Aber: der große Vorteil ist nach wie vor der Fokus auf Audio-Content. Hier gewinnt das Content-Marketing eine ganz neue Bedeutung. Es könnten Talk-Runden gesponsert, Produktplatzierungen geschickt integriert oder auch – und hier schließt sich der Kreis zum Radio – klassische 30 Sekünder zwischen die einzelnen Gespräche geschaltet werden. Wie auch immer die Werbemöglichkeiten ausfallen werden, eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche: sie werden in absehbarer Zeit kommen – und somit wieder neue Perspektiven für die kreativen Marketeers eröffnen, Produkte an den Mann (und natürlich die Frau) zu bringen.

Contra Clubhouse

Konstantin Maier

Konstantin Maier Social Media- & Projekt-Stratege


„Alle sitzen im Clubhouse und erzählen wie geil es ist, meiner Meinung nach klingt das so wie im Marketing-Kindergarten.”
  • Hypes kommen und gehen
  • On-Demand killed linear
  • Datenschutz

Hypes kommen und gehen

Kennst Du noch die App Vero? Genau das nächste große Ding scheint immer greifbar zu sein, doch nur wenige von diesen Hypes setzen sich tatsächlich durch. Ich denke die App basiert vor allem auf dem FOMO-Gedanken, der “fear of missing out” also der Angst, etwas zu verpassen. Alle wollen vom ersten Moment dabei sein. Wir Menschen lieben Innovationen und wollen nichts verpassen. Genau diese Instinkte füttert die App mit ihrer Strategie. Du kommst nur rein, wenn Du eine Einladung bekommst. Alle reden bereits darüber. Doch selten überstehen solche Hypes den ersten Run. Wenn sich alle erstmal in Ruhe umgeschaut haben und merken, dass so viel Innovation in den Rooms gar nicht wartet, wird schnell wieder auf die gängigen Plattformen gewechselt und Podcasts gehört. Außerdem erinnert ihr euch noch an “Social Dilemma”, vor Wochen waren die Feeds voll von Menschen, die sich über die Mechanismen von Social Media empörten. Jetzt scheint das aufgrund der Angst etwas zu verpassen schon wieder vergessen zu sein. Schon verziehen scheint auch der deutlich elitäre Mechanismus: Du kommst nur rein, wenn du jemanden kennst.

On-Demand killed Linear Content

Apropos Podcasts. Wir lieben es, live bei Dingen dabei sein zu können. Das zeigt der Erfolg von Livestreams auf Twitch, Youtube, Instagram oder Twitter. Aber das Live-Erlebnis setzt eine Sache voraus und das ist Zeit. Nicht umsonst gab es mit der Digitalisierung unserer Medien auch eine Abkehr von linearen Formaten wie Fernsehen oder Radio. Wir konsumieren gerne, wenn wir die Zeit dafür haben: abends die Tweets des Tages durchschauen, während der Autofahrt einen Podcast hören oder in den Instagram Stories schauen, was wir so verpasst haben. Live ist life, aber wir haben uns mittlerweile zu sehr an den Service und die Vorteile von On-Demand gewöhnt.

Datenschutz bei Clubhouse

Dieses Argument macht mir gar keinen Spaß. Aber das Thema Datenschutz spielt in Deutschland immer eine große Rolle. Bei Clubhouse eher nicht so: Die App greift auf das Adressbuch der Nutzer*innen zu. Denn wer eine andere Person zu Clubhouse einladen möchte, muss der App dafür zunächst den Zugriff aufs Adressbuch gestatten – und so landen bei den Machern der Plattform nicht nur Daten über Menschen, die eingeladen werden, sondern auch über deren Umfeld. Dass Clubhouse-Nutzer Zugriff auf ihre Kontakte gewähren und ihm somit Kontaktinformationen von Personen zur Verfügung stellen, die selbst nicht Teilnehmer des Dienstes sind, ist grundsätzlich kritisch zu sehen.

Und wer Clubhouse für sensiblere Gespräche nutzt, sollte wissen, dass sämtliche Gesprächsrunden mitgeschnitten werden – laut Clubhouse, um Verstöße gegen die Community Guidelines untersuchen zu können. Außerdem können die persönlichen Daten nicht so einfach gelöscht werden, sondern der Nutzer muss dafür erst eine E-Mail verschicken.

Unser Fazit zu Clubhouse

Wir probieren uns fleißig an der neuen App aus, sammeln Erfahrungen und beobachten die Entwicklungen der kommenden Wochen. Wie ist Deine Meinung zu Clubhouse? Hast Du die App bereits genutzt und wie sind Deine Erfahrung? Bist Du eher im Team Jacob oder Team Konstantin? Schreib uns gerne in die Kommentare, wir sind gespannt auf Deine Erfahrung und Meinung zu Clubhouse.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich von Social Media-Stratege Konstantin Meier geschrieben.

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