Peters Kolumne: Wie „Design Thinking“ Institutionen dabei hilft sich zu öffnen

Ich und das Badische Landesmuseum, es ist halt schon ein bisschen Liebe. Daher habe ich direkt mit dem digitalen Finger geschnipst und “Ich, Ich, Ich, hier, Ich!” gerufen als Mitglieder für einen Bürgerbeirat gesucht wurden. Das Ziel: Die Perspektive der eigentlichen Nutzer*Innen in die Neugestaltung des badischen Landesmuseums einbringen. Es folgt eine Geschichte voller Magie, Minnesang-Karaoke und Design Thinking - nicht zwingend in dieser Reihenfolge.

Ein Exkurs warum Museen spannende Geschichte zu erzählen haben und warum sie als Institutionen wichtig sind

Institutionen, wie das Badische Landesmuseum (BLM) sind ein bisschen wie Eisberge: Große Teile dessen, was das BLM ausmacht, sind dem Beobachter verborgen. Die Depots, die Kuratoren, all die Dinge, die es vielleicht nie in eine Ausstellung schaffen. Im Karlsruher Schloss könnt ihr zwar über zehntausende Objekte betrachten, eingelagert sind aber hundertausende und hinter denen steckt meist eine spannende Geschichte. Allerdings schafft es die im Augenblick leider nicht aus der Institution in die Öffentlichkeit. Denn bevor wir als Nutzer*innen etwas zu sehen bekommen, ging es bereits durch Filter von Filtern von Filtern und hat sich dabei auch der institutionellen Kommunikation angepasst, die wir meist nicht richtig beherrschen oder die uns sogar verunsichert.

Die andere wichtige Sache ist Kontext in einem Rahmen, den wir nur über Pädagogik in unseren Schädel kriegen: Museen sind unser kulturelles Gedächtnis. Sie helfen uns Dinge in einem Licht zu sehen, in dem es uns Informationen aus einem vergangenen Zeitpunkt der menschlichen Kultur so zugänglich machen, dass wir neue Perspektiven auf Ereignisse der Gegenwart erhalten. Ein schönes Beispiel dazu ist connectvermeer.org, das dir zeigt, dass die gute alte “Copy Cat” auch einen ziemlichen Buckel hat.

Connect Vermeer: Introduction Video from Noho on Vimeo.

Klingt jetzt nicht so spannend? Dann biegen wir kurz zu Instagram ab und zu einem Videoprojekt an dem Michi, unserem Designer, mitgewirkt hat.

Das ist jetzt natürlich ein Beispiel, in dem ich ein bisschen mit anderen netzstrategen angeben kann, was ich oft und gerne mache. Was Vermeer und sein Netzwerk früher noch mit diesen Low-Tech-Instagram bewerkstellingen musste, erfüllen heute Influencer – ob sie es merken oder nicht. Das macht Museen für mich so wertvoll: Sie helfen mir durch gut aufbereite Informationen der Vergangenheit unsere Gegenwart besser zu verstehen.

Wie Design Thinking dabei helfen kann, Museen zu einem besseren Ort für alle zu machen

Institutionen bilden oft ein eigenes Vokabular aus, das dann primär an Schnittstellen zu anderen Institutionen zur Anwendung kommt. Dadurch gehen viele Dinge für alle Außenstehenden leider verloren. Pressemeldungen sind ein gutes Beispiel:

Hier ein Ausschnitt der Pressemitteilung zum – nach Internet-Standards – nicht mehr ganz neuen Direktors Prof. Dr. Eckart Köhne:

Er leitete das Rheinische Landesmuseum in Trier, plante und organisierte die sensationell besuchte Landesausstellung „Konstantin der Große“, führte zweieinhalb Jahre das Historische Museum der Pfalz in Speyer und ist gerade zum Präsidenten des Deutschen Museumsbundes gewählt worden –mit Prof. Dr. Eckart Köhne hat das Badische Landesmuseum einen versierten und überaus erfolgreichen neuen Museumsfachmann an der Spitze. Am 28. Juli wird der promovierte Archäologe in sein Amt als neuer Direktor des Badischen Landesmuseums eingeführt und tritt damit offiziell die Nachfolge von Prof. Dr. Harald Siebenmorgen an.

Dazu ein etwas späterer Beitrag der Badischen Neuesten Nachrichten:

Große Museen in Trier und Speyer leitete der 50-Jährige, bevor er 2014 nach Karlsruhe wechselte. Die Ausstellungen über Karlsruhes Stadtgründer Karl Wilhelm oder Cowboy und Indianer fallen in seine Verantwortung. Ab nächster Woche lädt der Chef nach Ägypten ein. Die Schau über Ramses, den göttlichen Herrscher am Nil, bringt monumentale Exponate, Schmuck der Lieblingsfrau des 66 Jahre herrschenden Pharaos, und Aufklärung über den ersten paritätischen Friedensvertrag der Welt“, kündigt Köhne an.

Hier siehst du, wie eine Institution Information verbreitet und eine andere diese aufgreift. Beide verfallen dabei in eine recht formelhafte Kommunikation. Die Information ist zwar für alle Personen, die selbst in Ämtern, Vereinen, Museen oder anderen Organisationen tätig sind, sehr wertvoll, für den Rest der Welt aber verliert sie dabei ihren Wert. Denn die Lebensstationen eines Museumsdirektors sind für mich unwichtiger als die Neuausrichtung des Museums, die der eigentliche Impuls für mich ist.

„Innovation and effective problem-solving combine three essential components: technical feasibility, economic viability and human desirability. Design Thinking approaches problems from a human perspective, with the objective of designing innovative and desirable products, services or experiences that reflect all three aspects.“

UX-Stratege Jims Lieblingsdefintion zu Design Thinking

Denn das Museum kann ich jederzeit besuchen, den Museumsdirektor nicht. Hier greift der Design-Thinking-Prozess des Badischen Landesmuseums: Da durch soziale Medien im Prinzip jeder Akteur, siehe “Chewbacca Mask Lady” auch die Reichweite einer Institution haben kann, braucht es einen direkten Kanal zwischen den Menschen, die im Museum arbeiten und denen die es besuchen. Damit das Ganze nicht in einem Kuddelmuddel endet, bietet Design Thinking mögliche Leitplanken. Es weist einen Weg wie sich die beiden Filterblasen aus hochspezialisierten Museumsmitarbeitern auf der einen und eher breit interessierten Privatmenschen auf der anderen Seite zusammenfinden können, um neue Produkte zu entwickeln.

“Bye Bye” heilige Hallen für die Massen

Die beiden Säulen auf denen diese neue Denkweise ansetzt sind Augenhöhe und Demokratisierung. Meine Geschichtskenntnisse habe ich beispielsweise aus der Schule und Computerspielen. Ersteres ist lange her und zweiteres jetzt nicht wahnsinnig zuverlässig in der wissenschaftlich fundierten Vermittlung von Fakten. Doch durch das Zusammenspiel mit anderen Bürgerbeiräten, den Museumspädagogen und den Kuratoren entsteht eine Synthese der Perspektiven, aus der sich neue Ideen und Konzepte ergeben, die sonst nie entstanden wären.

Was allen Entwürfen gemein ist, dass sie die Situation aufbrechen wollen, dass es grob nur drei Szenarien gibt ein Museum zu besuchen: Als Tourist, als Enkel an der Hand des Opas und mit dem eigenen Enkel. Denn im Augenblick sind viele Museen noch Orte, in denen man oder frau in stiller Ehrfurcht kontextfrei auf alte Dinge starren kann, ohne beispielsweise das Objekt in der Vitrine mit dem Kärtchen überhaupt richtig schätzen zu können. Denn oft gilt “Fotografieren verboten!”, “Reden verboten!”, “Anfassen verboten!” Das macht es dann auch entsprechend schwer wieder zu kommen, wenn es in absehbarer Zeit nichts Neues zum Starren gibt und von der Zeit im Museum auch nichts hängenbleibt, weil der Kontext fehlt.

Die Konzepte, die die Teams dort gemeinsam entwickelt haben, reichen von einem neuen Webseitenkonzept, das die Vielfalt des Museums in Besuchsvorschläge anhand einiger Fragen zusammenfasst, über Customer Journeys, die in sozialen Medien starten und an der Museumskasse wieder aufgegriffen werden, hin zu einem Museums-Tinder (ohne Schweinkram!), das zusammen mit einem Veranstaltungskonzept das Museum auch als sozialen Raum erschließen soll.

Dazu kommen noch GoPro-Führungen durch das Haus, Videoformate mit den Kuratoren, die Möglichkeit von bestimmten Objekten die Daten für einen 3D-Drucker zu erhalten und vieles mehr. Der rote Faden “Erklär mir, warum das wichtig für mich ist und lass mich teilhaben” war aus meiner Perspektive unverkennbar und deckt sich mit Erfahrungen, die wir als netzstrategen auch in anderen Bereichen gemacht haben, sei es nun Publishing oder eCommerce: Die technischen Möglichkeiten haben uns Nutzer zu Individuen erzogen, die es einfordern als solche behandelt zu werden.

Die nächsten Schritte

All diese Ideen wurden initial durch uns priorisiert und werden im nächsten Schritt weiter gefiltert oder zusammengeführt. Beispielsweise wenn zwei Teams die gleiche Idee mit unterschiedlichen Schwerpunkten haben. Am Ende des Prozesses stehen natürlich die zwei unerbittlichen Größen: Personal und Penunzen. Doch der richtige Schritt ist der Weg von einem Massenpublikum hin zu vielen – auch kleinteiligen – Zielgruppen und deren Anforderungen. Wie sich Kommunikation gerade von einer institutionellen hinzu einer persönlichen wandelt, kannst du auf der Facebook-Seite des Landesmuseum beobachten.

Es ehrt mich, dass ich diesen Prozess ein Stück weit begleiten kann und wer weiß, vielleicht schafft es mein Vorschlag “Minnesang-Karaoke” oder “In da club” als gregorianischen Choral tatsächlich mal in eine Ausstellung. Als nächster Programmpunkt steht das “MuseumCamp” an, zu dem alle Beteiligten zusammenkommen und zu dem du dich noch bis zum 31. Oktober anmelden kannst.

Noch mehr Museums-Content in unserem Blog? Dann gibt es hier einen Beitrag zu Influencern im BLM.

Mehr Peter-Content? Gerne!

Zurück zu unserem Blog? Na gut.

Vielen Dank für deine Aufmerksamkeit, ich freue mich deine Meinung zur Entwicklung des Museums zu hören oder dich an einem der MuseumCamp-Termin zu treffen.

Bis dahin, stay Indy.

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