Von einem, der auszog über Diversity zu lernen

Diversity ist inzwischen leider zum Kampfbegriff verkommen. Eine willkommene Gelegenheit mich in der digitalen Kampfmittelräumung zu erproben und behutsam den Zünder vom Sprengkopf zu schrauben. Christina, Kai, Miguel und ich sprechen über Diversity, aber ganz, ganz vorsichtig.

Ich komme vom Dorf und da war Diversity anno dazumal nicht erfunden. Den härtest möglichen Kontakt mit diesem Begriff hatte ich direkt nach meiner Zeit bei der Bundeswehr – nicht die beste Vorbereitung – als ich in das Studentenwohnheim HaDiKo einzog. Plötzlich wohnte ich mit vierzehn anderen Menschen auf einem Flur und teilt mir mit ihnen eine Küche, drei Toiletten und zwei Duschen – worauf mich die Bundeswehr dann doch ganz gut vorbereitet hat, so vong Ekelresistenz her.

At one extreme, diversity can be seen as a means of overcoming injustice – righting wrongs – and at the other as a means of enhancing individual and group contribution to the organization’s goals. – David Clutterbuck

Plötzlich musste ich mit einem Haufen Menschen eine Einigung darüber finden, wer jetzt wie und warum die Küche aufräumen sollte und wer neben das Klo gekackt hat. Diese Probleme ging ich mit all dem pädagogischen Werkzeug, das mir als Dorfschwabe frisch vom Bund mit einem Hang zum Zynismus zur Verfügung stand. Um das ganze abzukürzen: Es hat nicht wahnsinnig gut funktioniert. Natürlich tun Leute, was man von ihnen will, wenn man ihnen sehr unangenehm auf die Nerven geht, aber so richtig Spaß hat dann weder der Forderer noch der Geforderte.

Diversity should be understood as the varied perspectives and approaches to work that members of different identity groups bring. – David Thomas

Aber im Laufe des Zusammenlebens schlich sich dann doch etwas Empathie und strukturelles Verständnis in meinen Granitschädel ein, was meinen Werkzeugkasten erweiterte. Auch wenn es meine ganze Studienzeit dauern sollte, bis ich eine stabile Kommunikationsbasis zu MitstudentInnen aus dem asiatischen Raum aufbauen sollte: Denn für sie war es eine unangenehme Bloßstellung zu zeigen, dass sie etwas nicht verstanden haben. Es hat mich nur paar dutzend Backofen- und Klozwischenfälle gekostet, herauszufinden, dass es halt nichts hilft, wenn ich in einer öffentlich Situation etwas erkläre und dann die Verständnisfrage stelle. Es kann dann nur ein “Jaja, alles verstanden” geben, alles andere wäre ein Gesichtsverlust.

Die geradezu lächerlich einfache Lösung: Erklären, dass alle Gespräche mit mir absolut vertraulich sind. Sobald die Vertrauensfrage geklärt war, wurde ich zu jeder Tages- und Nachtzeit die wildesten Sachen gefragt: “Wie wünscht man einem Verkäufer korrekt einen guten Tag?”; “Kannst du mal mit dem Polizisten telefonieren? Mein Bruder sitzt in Frankfurt fest.”; “Muss ich die Plastikfolie von der Pizza runtermachen, bevor ich sie in den Ofen schiebe?” und noch einiges mehr.

Für mich bedeutet Diversity die Möglichkeit den mühsamen Erfahrungsprozess abzukürzen, weil ich gelernt habe, dass mein Verhaltensrepertoire für andere Menschen genauso gut vom Mars sein könnte und umgekehrt. Es bedeuetet auch das Wissen verfügbar zu machen, wie ich diese Kommunikationsbarrieren abbauen kann und vor allem, wie ich eine angenehme gemeinsame Basis zum Austausch schaffe. So ein klassisches Alltagsszenario muss nicht zwingend der Zusammenprall von unterschiedlichen Kulturkreisen sein. Oft ist es die einfache Interaktion zwischen mir als Projektmanager und unseren Entwicklern. Das läuft hin und wieder so, wie in diesem Loriot-Klassiker:

Da Diversity immer eine Frage der Perspektive ist, habe ich mir noch Christina, Miguel und Kai ins Boot geholt, weil so ein Monolog über Diversity wäre … komisch.

Kai, Zukunfts-Stratege, zu Diversity

Kai Wieland

Diversity ist für mich (und für viele von uns) irgendwie selbstverständlich. Deshalb ist oft gar nicht so offensichtlich, wieso man sich überhaupt darüber unterhalten muss.

Gerade in der Tech-Welt machen ja irgendwie alle was mit Diversity. Dahinter verbirgt sich bestenfalls der Wille zu einer Frauenquote, schlimmstenfalls vertuschen Firmen mit Aktionstagen, CSD-Trucks und Diversity-Imagekampagnen tief sitzende Diskriminierung und strukturelle Ungerechtigkeit in ihrer Organisation.

Diversity muss in die Tiefe der Unternehmenstrukturen gehen

Im politischen Diskurs der letzten Jahre zeigt sich, wie das, was wir lange für selbstverständlich hielten (Menschenrechte zum Beispiel) plötzlich im großen Stil in Frage gestellt wird. Gerade für marginalisierte Gruppen ist aber überlebenswichtig, dass sie nicht in Frage gestellt werden. Wir müssen aufpassen, dass wir all das was wir erreicht haben nicht vor lauter Selbstverständlichkeit wieder verlieren, und zwar im Kleinen wie im Großen. Deshalb ist es wichtig, festzuhalten wie wir alle miteinander umgehen wollen.

Für mich bedeutet Diversity nicht unbedingt zu schauen, wie viele Menschen mit welchem Geschlecht bei uns arbeiten oder welche Hautfarbe wir haben, sondern uns der schwierigen gesellschaftlichen Situation und unserer – oft unbewussten – Vorurteile bewusst zu werden. Offen zu sein für Erfahrungen und Probleme anderer und zu vereinbaren, wie wir – zumindest in unserem direkten Umfeld – für Ausgleich und Verbesserung sorgen können. Es geht auch darum zu signalisieren: “Hey, hier bist du genau richtig, so wie du bist.”

Christina, Medien- und Projekt-Strategin, zu Diversity

Christina D'Ilio

Egal unter welchem Deckmantel die Themen diskutiert werden, sei es Diversity, Gleichberechtigung, Chancengleichheit oder auch Feminismus. Letztlich verbirgt sich dahinter aus meiner Sicht immer die Frage danach, wie eine Gemeinschaft beschließt, bzw. fortwährend verhandelt, miteinander leben zu wollen. Das gilt für den Sportverein um die Ecke, den eigenen Arbeitgeber oder ganze Staaten gleichermaßen.

Wollen wir kooperativ miteinander umgehen, von unterschiedlichen Stärken profitieren und sind wir bereit auch Schwächen zu akzeptieren? Oder wollen wir die Gestaltung des Miteinanders in die Hände einer kleinen, exklusiven und elitären Gruppe legen? Je nach Kontext gehört man dann mit seinen eigenen Merkmalen der elitären Gruppe an oder eben nicht.

Der Weg zu Diversity ist lang und schwer

Zu sagen, dass nur einer der beiden Wege zu einem vernünftigen und menschenwürdigen Miteinander führt, wäre zu einfach. Um es mit den Söhnen Mannheims zu sagen: Beide Wege sind steinig und schwer.

Entscheidet man sich für die Alternative des kooperativen Miteinanders, sind alle Beteiligten enorm gefordert. Sie müssen sich öffnen, eigene Haltungen und Wertvorstellungen überprüfen und vielleicht auch revidieren. Und man muss aushalten können, dass Kooperationen auch scheitern können.

Der Weg der Elitären ist für den Einzelnen leichter. Es wird weniger verhandelt, sondern mehr bestimmt. Die Regeln des Miteinanders sind klar umrissen und die Bevorzugungen ebenfalls.

Wenn ich auf meinen Arbeitgeber schaue, bin ich froh, dass wir den Weg des kooperativen Miteinanders gewählt haben. Für mich fängt genau dort Diversity an, wenn der Praktikant dem Geschäftsführer widersprechen darf. Wenn Status, Geschlecht, Hautfarbe und all die anderen Merkmale keine Rolle spielen sondern es zuallererst um die Sache geht.

Miguel, eCommerce-Stratege, zu Diversity

Miguel Lucas

Meiner Meinung nach müssen wir die Kritik, die wir oft an der Vielfalt als Hauptursache vieler Konflikte üben, entschieden zurückweisen.

Ich denke, es sind die Versuche, diese Vielfalt zu unterdrücken oder zu beseitigen, die wirklich die Probleme hervorrufen: Wenn wir versuchen, „unser Eigenes“ zu erheben, als wäre es das einzig Gute, das Notwendige, das Wahre.

Unterdrückte Vielfalt führt zu vielfältigen Problemen

Für mich ist Vielfalt ein unbestreitbarer Reichtum, der uns erkennen lässt, dass es keine einzige Lösung für die Probleme gibt, sondern viele praktikable und völlig gültige Wege, sie anzugehen.

Besonders gerne lebe und arbeite ich in einem sehr abwechslungsreichen Umfeld und empfehle es jedem!

Diversity ist die hohe Kunst eine andere Perspektive einzunehmen

Es ist leicht eine fremde Position in der Karikatur oder Vereinfachung zu übernehmen. Der, die, das Gegenüber aber tatsächlich zu verstehen ist ein Prozess, der immer nur über die stückweise Annäherung erfolgen kann. Abgeschlossen ist er nie. Doch wer sich die Mühe macht, ihn trotz Steinen, Mühe und den Söhnen Mannheims zu gehen, wird die reicheren Erfahrungen sammeln, als jemand der sich dieser Öffnung verwehrt.

So viel zu unseren Gedanken zu Diversity? Falls Du deine mit uns teilen willst, freuen wir uns über deinen Kommentar hier oder in den sozialen Medien.

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Und jetzt, Musik!

P.s.: Bonuspunkte für alle, die das Headerbild erkennen

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