Peters Kolumne: Wie ich meinen Newsfeed auf Hass optimiert habe

Der Weg zur Besserung beginnt mit der Erkenntnis, dass man etwas Dummes getan hat: Ich habe mir meine Facebook-Timeline so gründlich ruiniert , dass ich sofort schlechte Laune kriege, wenn ich einen Blick darauf werfe. Willkommen in einer Geschichte voller stinkender Filterblasen, fataler Neugier und dem EdgeRank als Co-Star, der nicht aufhört den verdammten Mist aus dem nie versiegenden Facebook-Brunnen zu schöpfen.

Ich hätte es eigentlich schon früh besser wissen können, dass Algorithmen nicht mit Menschen klar kommen, die neugierig sind. Neugier ist schwer zu messen und damit schwer in ein Reiz-Reaktions-Muster zu packen: Als das Jane-Austen-Fieber seine Runden drehte, habe ich mich dazu mal schlau gemacht und einen Wikipedia-Beitrag gelesen und auf Amazon ein paar Nutzerbewertungen zu Stolz und Vorurteil gelesen, dummerweise auf dem Smartphone. Ich wurde wochenlang von Angeboten zu Jane Austen verfolgt: Bücher, Tassen, Reisen zu den Handlungsorten, Filme, Jane-Austen-Live-Action-Roleplay. Das hätte mir schon eine Lehre sein müssen, war es aber nicht.

Der Aufstieg der Schreihälse

Es begann so gegen 2012 – 2014. Neben Urlaubsbildchen und den üblichen Bist-du-Hufflepuff-oder-Slytherin-Umfragen fing Facebook an krawallig zu werden, erst in Gruppen und dann auf Facebook-Seiten, an die sich dann wiederum eine ganze Dienstleister-Industrie an T-Shirt-Verkäufern und entsprechend angepassten „Nachrichtenportalen“ anlagerte. Damals war ich noch recht rabiat im filtern: Wer nervte, flog aus der Freundesliste oder wurde im „Eingeschränkt“-Orkus versenkt. Doch dann fing ein guter Bekannter an sich über Windräder zu ereifern und dass man dafür doch eine Alternative für Deutschland bräuchte, es folgten jede Woche Beiträge darüber, dass Windräder eine Erfindung von Satan und/oder der damals schon linksversifften Ökomafia sind.

Mit dem Kampf gegen Windmühlen fing es 2012 an, dann wurde es schnell finster…

Dann kam GamerGate auf, dass vorwiegend aus zornigen jungen Männern, die darauf aus waren zu beweisen, dass es eine Verschwörung aus linksversifften Independent-Spieleentwickler*Innen und Spielejournalist*innen gibt, die darauf abzielt Coming-of-Age-Geschichten und queere Themen in den Mainstream zu hämmern. Parallel wurde einer meiner anderen Bekannten plötzlich sehr seltsam liberal, also so „Gesundheitsysteme und Steuern sind eine Erfindung der linksversifften Ökomafia oder Satan“-liberal. Das weckte meine Neugier und damit fing der Untergang meines Facebook-Feeds an.

Ich wollte wissen, wie dieser Prozess funktioniert, in dem aus normalen Menschen – auch nach Internetstandards – plötzlich unangenehm laute Zeitgenossen wurden. Also suchte ich mir einen aus dem linken Rand, einen Liberalen, jemanden aus der GamerGate-Bewegung und einen Erzkonservativen, der schon etwas bräunte. Fertig war meine kleine Mischung aus Arche Noah und Sozialexperiment.

Klassisches Scheinargument, um sich gegen die unaufgeklärten Doofen abzugrenzen.

Der EdgeRank ist inselbegabt

Wir machen kurz einen Ausflug zum Sortieralgorithmus der Plattform, für diejenigen die keine Lust auf einen Zwischenstopp haben, geht es nach dem unvermeidlichen EdgeRank-Bild weiter. Jedes Mal, wenn du die Facebook-Seite neu lädst oder in der App nach oben wischst, löst du damit eine neue Datenbankabfrage aus. Dann prüft der Algorithmus nach den Parametern „Beziehung zwischen Sender und Empfänger (u)“, „Gewichtung des Inhalts nach Interaktionen (w)“ und „vergangene Zeit sei der Veröffentlichung(d)“ das vorhandene Inventar und gibt die Beiträge mit der höchsten Gewichtung aus. Als Formel sieht das Ganze dann so aus:

Σ = ue we de

Daraus ergibt sich eine Reihe von Problemen, nur für den Fall, dass du dein eigenes soziales Experiment anlegen willst: Diese Leute posten sehr viel und haben viel Interaktionen auf ihren Beiträgen, weil ihr Brüder und Schwestern im Geiste auch fleißig posten und die Beiträge auch gegenseitig mit Interaktionen, wie einem Like oder einem Kommentar wie „Armes Deutschland!!!“, versehen.

Das bedeutet, dass der Zeitpunkt der Veröffentlichung und das Gewicht des Inhalts nach Interaktionen immer recht hoch sein wird. Weil es den meisten interaktionsgetriebenen Plattformen erstmal wurscht ist, ob die Community da jetzt ein halbgeformter Lynchmob oder eine Horde frischgebackener #Instamoms ist, solange die Perfomance-Indikatoren passen und das tun sie.

Die Beziehung zwischen Sender und Empfänger wird inzwischen mit Sicherheit auch drüber bemessen, wie lange ein bestimmer Inhalt im Viewport bleibt und damit schließt sich der Teufelskreis, der mit meinen Feed vermutlich unrettbar ruiniert hat: Durch den Hassblasenbrummkreisel, der sich an den äußeren Rändern etabliert, werden alle relevanten KPIs abgedeckt: Es ist viel, es ist laut und ich schaue es mir oft an, weil es eben wie bei einem Verkehrsunfall ist: Man schaut eben doch hin und schon fängt der Zauberbesen an zu laufen und schöpft noch mehr Gülle aus Jauchegrube.

Auch hier ein klassisches Scheinargument: Ein Zusammenhang wird hergestellt, obwohl wir noch nichts darüber wissen.

Als ehemaliger Community-Manager und Mensch mit durchaus dickem Fell kann ich dir sagen, dass das der Tod der tausend Nadelstiche ist: In meiner vorher recht sortenreinen Filterblase gibt es jetzt jeden Tag die unvermeidliche Dosis aus Hass und gefährlichen Scheinargumenten, mit denen sich meine beobachteten Subjekte jeden Tag aufs neue in Rage bringen. Das Schlimme ist, damit hört es nicht auf, denn daran hängt eben auch die Werbeindustrie und ich kriege neben permanenten Diskussionsfouls, über die ich auch schon ein zwei Worte verloren habe, auch noch dümmstmögliche Werbung in den Feed gespült. Das nervt hart und bereitet mir ernsthafte Sorgen, wenn zur „Marketing Automation“ auch noch „Product Automation“ kommt: Prozedural generierte Reichsbürger-T-Shirts, anyone?

Eine Galerie von Dingen, von denen Dank meiner Facebook-Daten vermutet wird, dass ich sie gut finde, die ich aber überhaupt gar nicht gut finde:

Was bleibt?

Ich habe versucht meinen Feed aufzuräumen und das Experiment zu beenden, doch das Ding hört nicht auf zu laufen.

„Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.“

Übrigens eines der besten Sprichwörter, um unverfänglich und weitgehend kontextbefreit bei Cocktailparties anzugeben, dicht gefolgt von Nietzsches „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“

Sogar auf Twitter, das ich nach wie vor konsequent filtere, fräsen sich diese Hassblasen langsam aber sicher in die Timeline und führen zumindest bei mir zum Wechsel auf Messenger, kleinteilige Gruppe und eben die immer größer werdende Nutzungspausen auf der Plattform. Denn die Diskussion zu suchen ist ähnlich zielführend, wie in die Kreissäge zu fassen, um bei der Maniküre nur die Hälfte zu zahlen. Wer von außen Argumente in eine solche Hassblase trägt, wird entweder hineingezogen, Teil einer Gegenhassblase oder solange mit allerlei Diskussionsfouls, wie Strohmann-Argumenten oder dem guten alten ad hominem überzogen, bis er oder sie das Feld genervt verlässt.

Was ich daraus gelernt habe:

  • Der EdgeRank wird zum Gremlin, wenn man ihn mit den falschen Inhalten füttert und er bleibt dann auch einer.
  • Interaktionsgesteuerte Plattformen kommen mit Fällen, wie vorübergehende Neugier im Augenblick überhaupt nicht klar: Es gibt immer nur mehr von der Sache, von der gerade vermutet wird, dass du darauf klickst, ob du dabei vor Entsetzen oder vor Freude auf Beiträge starrst, ist – noch – sekundär.
  • Das führt zu verhärteten Fronten, auch jenseits der klassischen Oppositionsfelder: Alle finden jetzt alle dumm und sich total gut. Wenn du einmal in so einer Blase drin bist, wirst du irgenwann auch die absurdesten Argumente völlig schmerzfrei führen können.
  • Schauen wir mal, wo die Reise hingeht. Bis dahin, bei Ausflügen in die Filterblase besser das Zweitprofil nutzen, sonst wirst du das Zeug nie wieder los. Ich habe zum Schluss noch eine passende Film-Empfehlung für dich:

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