Quanten-Computing, Robotik und KI: Meine Delegationsreise nach Katalonien
Veröffentlicht am 15.11.2024 · André Hellmann
Diese Ausgabe erschien ursprünglich im November 2024 im Digital Impact Newsletter.
Drei intensive Tage einer Delegationsreise liegen hinter mir, mit vielen Impressionen, Gesprächen und Erkenntnissen. Das Wirtschaftsministerium hat mich schon einige Male eingeladen. Angenommen habe ich erst jetzt, wo es im Rahmen der Vier Motoren in Europa nach Katalonien ging. In Barcelona haben wir vor allem drei Elemente mit Unternehmens- und Institutsbesuchen unter die Lupe genommen: Quanten-Computing, Robotik und Anwendungen der künstlichen Intelligenz, um einen Einblick in den Stand der Entwicklung zu bekommen. Für mich vor allem, um zu bewerten, ob diese Technologien bereits konkret anwendbare Chancen für unsere Projekte und Kunden bieten. Durch die makers99 (seit acht Jahren schon unsere spanische Tochtergesellschaft und Entwicklungsmarke) war die Reise ein Heimspiel, da das Team im Tech-Stadtteil Poble Nou von Barcelona sitzt.
Quanten-Computing: Viele Ressourcen für sehr spezielle Anwendungsfälle
Ganz klar geworden ist mir, dass diese Technologien (Quanten-Computing, Robotik und KI) alle noch nicht so richtig skalieren. Alle drei brauchen noch sehr viel individuelle Beratung, Anpassung an den konkreten Kunden-Case und intensive Begleitung bei der Einführung und dem Betrieb der Lösungen.
Quantencomputer müssen mathematisch wie technisch noch genau auf das zu lösende Problem eingestellt werden. Ganz grob gesagt können sie aus einer Unzahl an verknüpften Variablen mit verschiedenen Ausprägungen alle möglichen Varianten definieren und daraus jeweils das effizienteste Szenario identifizieren, weil es bei der Berechnung die geringste Energie benötigt. Also quasi eine Monster-Matrix mit einem detaillierten Scoring.
Ein beliebtes Praxisbeispiel ist z.B. der Handelsreisende, für den eine optimale Route berechnet werden soll, was leicht auf Routenoptimierung in der Logistik übertragen werden kann. Aber auch in der Medizin, Materialforschung und Produktionsoptimierung finden sich Beispiele, die komplex genug sind, um einen Quantencomputer zu rechtfertigen, da sie nur damit überhaupt zu lösen sind.
Derzeit lösen sie aber nur jeweils genau das eine Problem und das ab zehn Millionen Investitionskosten und hohem Aufwand für Einführung und Betrieb. Irgendwann einmal sollen sie in der Cloud verfüg- und zuschaltbar sein, um komplexe Probleme zu lösen. Meine Einschätzung ist allerdings, dass das noch 5–10 Jahre dauern wird.
Robotik ist noch weit vom Alltags-Einsatz entfernt
Für mich ist die Situation in der Robotik ähnlich. Der größte Teil der Roboter von PAL Robotics wird an Forschungseinrichtungen geliefert, egal ob für Medizintechnik, Industrie oder Retail. Nur wenige Pilotprojekte laufen überhaupt, von einem produktiven Rollout spricht man noch gar nicht. Zum einen zieht die Regulatorik einen Strich durch die Rechnung aufgrund von Sicherheits- und Datenschutzproblemen.
Aber auch an die tatsächliche Wirtschaftlichkeit glauben die Unternehmen noch nicht. So werden die Roboter vor allem als Ergänzung statt als Ersatz für die Menschen gesehen, die in Lagern, Läden und Supermärkten eingesetzt werden können. Und natürlich liefern sie dabei mehr und akkuratere Daten in Echtzeit. Aber ob der Mehrwert dieser Daten so groß ist, wenn dennoch ein Mensch neben dem Roboter steht? Wahrscheinlich erst dann, wenn wir eben diese Menschen nicht mehr haben oder finden. Zumal viele Gebäude erst einmal noch „roboterfreundlich” überarbeitet werden müssen, denn allein den Aufzug zu rufen oder Türen zu öffnen, gelingt den kleinen und großen Helfern nur schwer.
Dennoch sind Roboter natürlich mega cool und ich hoffe absolut, dass wir einen Weg zur Koexistenz finden. Anwendungsfälle in der Medizin und Pflege liegen auf der Hand. Doch auch nach vielen Jahrzehnten der Forschung feiern wir aktuell einen Erfolg, wenn die Teile einfach nicht umfallen, wenn man sie schubst. Da ist noch viel Grundlagenentwicklung notwendig, um auf einer Robotik-Plattform Alltags-Anwendungsfälle aus der Wirtschaft zu realisieren.
Die Software, die im Roboter läuft, ist noch nicht serienreif. In den beiden Informatik-Instituten IIIA-CSIC (die Fakultät für KI der Universität von Katalonien) und CVC (Computer Vision Center) durften wir uns die Anwendungsentwicklung auf Basis der LLMs anschauen. Am meisten Zeit verbrachten wir in einer Diskussionsrunde mit dem EU-Projekt VALAWAI, das einer künstlichen Intelligenz menschliche Werte vermitteln möchte. Denn ohne unsere Werte kann eine KI auch nicht in unserem Sinne entscheiden, was wichtig wird, wenn wir ihnen auch Verantwortung zuschreiben wollen wie beim autonomen Fahren.
Die Forscher:innen versuchen dabei gerade, menschliche Werte in mathematische Gleichungen zu überführen, um den Modellen das menschliche Erwägen zu vermitteln. Ein spannender Deep-Dive, stellvertretend für die Wirtschaft, die auf dieser Basis ebenfalls noch nicht durchstarten wird mit einer wahrlich ergebnisverantwortlichen generativen künstlichen Intelligenz.
Bei all dieser teuren, komplexen und langwierigen Grundlagenforschung macht auf einmal ein Bündnis wie die Vier Motoren und die vielen anderen Projekte und Initiativen Sinn, die ich auf der Reise kennenlernen durfte. Hier unnötige Dubletten zu finanzieren ist ärgerlich; da muss gerade in Europa sehr eng zusammengearbeitet werden, um den fragmentierten Ländernachteil gegenüber den USA und China ein wenig wettzumachen.
Effektivere Zusammenarbeit und eine gemeinsame Botschaft Europas
Zum Abschluss ging es zur beeindruckenden Smart City Expo, auf der viele tausend Aussteller aus unterschiedlichen Ländern ihre Lösungen für die Städte der Zukunft präsentierten. Der mittlere Osten war unter anderem mit Qatar, Dubai und Saudi-Arabien mit pompösen Ständen vertreten, deren gefühlt einzige Mission es war zu vermitteln, dass man Geld hat und es investieren möchte. Hier will man Ideen aus dem Ausland und gezielt Europa schon ganz früh gewinnen.
Autor & redaktionelle Verantwortung
Gründer & Geschäftsführer
Gründer und Geschäftsführer der netzstrategen GmbH, seit 2006 an Bord. Sein Fokus: Datenmessung, Analytik und Strategiedefinition. Heute vor allem der Aufbau von AI Operations, von der Strategie bis zum laufenden Betrieb. Branchenerfahrung in Pharma, Automobil und Fertigungsindustrie.
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